Morgendlicher Spaziergang

Am Sonntag, 26.04.2026 nahm ich an einem morgendlichen Spaziergang teil, der bereits um 7.00 Uhr begann. Das kostete mich zugegebenermaßen einige Überwindung, denn wer steht schon gerne sonntags in aller Frühe auf? Die richtige Antwort lautet: Thomas Bormann, der Fledermaus- und Vogelexperte des Vogel- und Naturschutzvereins Glattbach. Gut gelaunt nahm er die kleine Gruppe, die sich noch etwas verschlafen am Johann-Desch-Platz versammelt hatte, mit den Worten in Empfang, dass es für ihn nichts Schöneres gebe, als bei diesem Wetter früh in der Natur unterwegs zu sein.

Er erklärte, dass er sich entschlossen habe, neben der traditionellen morgendlichen Vogelstimmenexkursion die immer Anfang Mai stattfindet, dieses Jahr auch einige Spaziergänge im April anzubieten, da es für Ungeübte einfacher ist, die Gesänge der einzelnen Vogelarten zu unterscheiden, wenn noch nicht alle Zugvögel zurückgekommen sind und die Zahl der möglichen Arten kleiner ist.

Gleich zu Beginn machte Barbara Koch, die Vorsitzende des Vereins, die Anwesenden auf einen Turmfalken aufmerksam, der sich -ganz seinem Namen entsprechend- auf dem Turm der alten Kirche niedergelassen hatte. Ansonsten war es am Startpunkt ziemlich ruhig, nur hin und wieder waren Rufe der Ringeltaube oder der Gesang einer Amsel zu hören. Für Thomas die traurige Bestätigung, dass sein Onkel vor Jahren mit seiner düsteren Vorahnung, es werde irgendwann stille Frühlinge geben, leider Recht hatte. Thomas berichtete, insbesondere die Zahl der Feldsperlinge, einer früher sehr häufig Art, gehe seit Jahren zurück.

Angesichts dieser negativen Fakten machte sich der kleine Trupp etwas nachdenklich auf den Weg in Richtung Streuobstwiese „Auf der Birke“. Aber hier konnte man dann sehen, was mit viel Engagement, vereinten Kräften und natürlich auch finanzieller Unterstützung alles möglich ist. Viele Spaziergänger nutzen das wunderschöne Gebiet zur Erholung, aber auch die Vogelwelt profitiert. So konnten uns Barbara und Thomas Gesänge oder Rufe von auch in Hausgärten häufigen Vögeln, wie z.B. dem „Luftpumpenvogel“ (Kohlmeise), den flötenden Gesang der Amsel, das Schilpen der Haussperlinge oder den einfach zu merkenden Zilpzalp, der seinen Namen ruft, vorstellen. Praktischerweise lies es sich auch eine Türkentaube nicht nehmen, ihren Part zum morgendlichen Vogelkonzert beizutragen, so dass sich für Thomas die Gelegenheit bot, die Unterschiede von Ringel-, Türken- und Stadttaube zu erklären.

Dem wollten die Grasmücken wohl nicht nachstehen, denn neben dem häufigen Ruf der Mönchsgrasmücke, die ihren Namen der prägnanten schwarzen Färbung am Kopf der Männchen verdankt, ließen auch die Garten- und die Klappergrasmücke ihre Gesänge hören. Nur die vierte in Glattbach vorkommende Grasmückenart, die Dorngrasmücke, hatte die Verabredung wohl verpasst, denn von ihr war nichts zu hören oder sehen. Natürlich wurde sie vollständigkeitshalber trotzdem von Thomas erwähnt.

Unbestreitbarer Höhepunkt war jedoch der Auftritt des Gartenrotschwanzes, von dem es in Glattbach nur wenige Brutpaare gibt. Stolz präsentierte er seine ganze Schönheit, vom Sonnenlicht wie von Scheinwerfern angestrahlt, auf der höchsten Spitze eines Kirschbaumes und stellte für alle unüberhörbar klar, in wessen Revier wir uns befanden. Sein Revier? Das sah ein weiterer Gartenrotschwanz wohl anders, denn er versäumte es nicht, seinem Kontrahenten gleich zu antworten.

Spätestens jetzt war für mich klar, dass sich das frühe Aufstehen rentiert hat. Aber es ging noch weiter, denn nach einem kurzen Spaziergang durch den Wald, bei dem die typischen Arten wie Buchfink und Buntspecht zu hören waren, kamen wir zu einer weiteren Streuobstwiese. Sie liegt unterhalb der Vereinshütte und wird vom Vogelschutzverein gepflegt. Auch hier passierte etwas Erwähnenswertes: wir hörten den seltenen Schwarzspecht! Der befand sich allerdings nicht auf der Streuobstwiese, sondern irgendwo im angrenzenden Wald.

Nach so vielen Naturerlebnissen erreichten wir glücklich die Vogelschutzhütte. Hier erwartete uns Thomas, der die Gruppe verlassen und eine Abkürzung zur Hütte genommen hatte, weil die Mägen einiger Teilnehmer unterwegs bereits lautstark nach Essen verlangt hatten, mit liebevoll belegten Käsebroten, Kaffee und Weißwürsten.

Wer nun denkt das sei alles gewesen und wir hätten nur noch in geselliger Runde beisammen gesessen, der täuscht sich. Denn nachdem die Tauben und die Grasmücken ihren Auftritt hatten, haben wohl auch die Spechte gedacht, sie müssten in Erscheinung treten. Während wir unserer Essen genossen, konnte uns Thomas in aller Ruhe über die Unterschiede zwischen dem häufig vorkommenden Grünspecht und dem seltenen Grauspecht aufklären.

Und damit ging dann wirklich ein wunderschöner und informativer Vormittag zu Ende.

Christiane Meßenzehl

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